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LINDNER-Interview für die „Rheinische Post“ (05.01.2010)
Berlin. Der FDP-Generalsekretär CHRISTIAN LINDNER gab der „Rheinischen
Post“ (heutige Ausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellte
MICHAEL BRÖCKER:
Frage: In der CSU wird über einen eigenen Vizekanzler diskutiert. Die
CDU mäkelt, die FDP solle endlich in der Regierung ankommen. Was ist
mit den Liberalen los?
LINDNER: Die FDP steht in den Ländern seit Jahren erfolgreich in der
Regierungsverantwortung. Derzeit für etwa 63 Millionen Menschen. Wir
haben also keinen Nachholbedarf in Sachen Realitätssinn.
Frage: Und Vizekanzler Westerwelle braucht auch keine Amtshilfe aus Bayern?
LINDNER: Der Kreativabteilung der CSU fällt immer wieder etwas ein, um
das Publikum vor Kreuth zu unterhalten. Dieses Jahr:
Sommerlochvorschlag schon im Januar. Toll.
Frage: Dennoch: In der Regierung fällt die FDP bisher nur durch ihre stete Forderung nach Steuersenkungen auf. Ist das alles?
LINDNER: Im Koalitionsvertrag finden sich liberale Akzente an vielen
Stellen. Nur zwei Beispiele: Wir wollen über Wettbewerb und
Kostentransparenz die Qualität des Gesundheitswesens sichern.
Finanziert werden muss Gesundheit aber zukünftig ohne Belastung des
Faktors Arbeit. Dafür gibt es einen steuerlichen Sozialausgleich. Und
die Koalition prüft die Einführung unseres Bürgergelds. Darin bündeln
wir alle bisherigen Sozialleistungen und bauen Menschen mit geringer
Qualifikation eine Brücke zurück in die Selbstverantwortung.
Frage: Prüfaufträge gibt es reichlich im Koalitionsvertrag.
LINDNER: Wir werden dafür sorgen, dass sie mit Leben gefüllt werden.
Frage: Die Öffentlichkeit beschäftigt eher das Thema Steuersenkungen. Bleibt es bei den Entlastungen ab 2011?
LINDNER: Uneingeschränkt ja.
Frage: In Umfragen ist aber selbst die Mehrheit der Bürger skeptisch,
ob diese angesichts der Rekordschulden richtig sind. Hat die FDP sich
verrannt?
LINDNER: Gute Politik ist nicht unbedingt das Populäre zu fordern,
sondern das Notwendige populär zu machen. Die Bürger und die deutsche
Wirtschaft brauchen diesen Entlastungsimpuls.
Frage:: In der Größenordnung von 20 Milliarden Euro und mit einem Stufentarif?
LINDNER: Mit den schon erreichten Entlastungen dieses Jahres kommen wir
sogar auf 24 Milliarden Euro. Das steht auch in der Finanzplanung von
Herrn Schäuble. Und am Stufentarif halten wir fest, weil er das
Steuersystem klarer macht.
Frage: Wie wollen Sie das finanzieren?
LINDNER: Durch eine neue Balance von Staat und Privat. Zu oft wird
gefragt, wie viel ‚Privat‘ sich der ,Staat‘ leisten kann. Das ist für
Politiker und Beamte der einfachste Weg. Wir fragen aber, wie viel
Staat können sich eigentlich die Bürger leisten, ohne zu stark auf
Investitionen, Vorsorge und Wohlstand verzichten zu müssen.
Frage: Und?
LINDNER: Einsparpotentiale sehe ich bei der Bürokratie und zum Beispiel
bei unwirksamen Programmen der Bundesagentur für Arbeit. Zudem werden
sich einige, die heute von Subventionen oder Ausnahmen profitieren, auf
Veränderungen einstellen müssen.
Frage: Sie meinen die ermäßigten Mehrwertsteuersätze?
LINDNER: Das Mehrwertsteuersystem muss unabhängig davon mal mit gesundem Menschenverstand geprüft werden.
Frage: Machen Sie es doch mal konkret. Von 20 Milliarden Euro
Steuersenkungen. Wie viel muss aus dem Haushalt selbst finanziert
werden?
LINDNER: Wir werden die Steuerschätzung im Mai abwarten müssen. Dann können wir exakt sagen, wie viel der Staat sparen muss.
Frage: Sie wollen als Generalsekretär die FDP inhaltlich breiter positionieren. Was schwebt Ihnen vor?
LINDNER: Wir müssen in Programm und Regierungshandeln zeigen, dass uns
sozialer Aufstieg für alle Menschen am Herzen liegt. Wir wollen Chancen
eröffnen durch beste Bildung, wie das Andreas Pinkwart in
Nordrhein-Westfalen vormacht. Wir müssen uns mit bürgerlichen
Freiheiten im Internet-Zeitalter beschäftigen. Wir haben also viele
Themen, denen wir uns intensiv widmen können. Dazu werden wir auf dem
nächsten Bundesparteitag im April beschließen, dass wir ein neues
Grundsatzprogramm erarbeiten. Es wird dann wohl 2012 beschlossen werden.
Frage: Im Mai sind NRW-Landtagswahlen. Die schwarz-gelbe Mehrheit wackelt. Muss die FDP auf die Grünen zugehen?
LINDNER: Ich bemerke kein Wackeln. Höchstens bei den Grünen, die sich
von der pragmatischen Politik der Ära Schröder/Fischer verabschiedet
haben und orientierungslos wirken. Die NRW-Grünen sagen sogar, sie
stünden der Linkspartei näher als der FDP. Das ist ja fast eine
Koalitionsaussage. Warum sollten wir den Grünen also nachlaufen?
Frage: Weil Sie vielleicht müssen, um an der Macht zu bleiben?
LINDNER: Wir wollen in der christlich-liberalen Koalition
weiterregieren. Das wird uns gelingen, weil wir auf Erfolge hinweisen
können. Vom Ende der Kohlesubventionen bis zur Kinderbetreuung. Die
Alternative Rot-Grün-Blutrot will niemand.
Frage: Eine Absage an Schwarz-gelb-grün, besser bekannt als Jamaika -Koalition?
LINDNER: Ob eine Jamaika-Koalitionen, wie im Saarland, langfristig für
die Liberalen eine Option wird, liegt vor allem an den Grünen. Wir
brauchen die Grünen jedenfalls nicht. Noch nicht mal mehr für
Umweltpolitik: Im vergangenen Jahr ist in NRW mehr für den Naturschutz
ausgegeben worden als jemals zuvor.
Frage: Exkurs: Thema Körperscanner. Wie weit geht die FDP?
LINDNER: Die Würde des Menschen endet für uns nicht am
Flughafenschalter. Die Peep-Show der heute üblichen Körperscanner
lehnen wir deshalb ab. Sollte es eine technische Weiterentwicklung
geben, wägen wir neu.
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